Kritische Distanz: Lesenswerte Spielkritik


(Daniel) #1

Deutscher Videospielejournalismus sind nur dröge Produktrezensionen und alberne Let’s Plays? Wahrscheinlich nicht, auch wenn das oft der Eindruck ist. @Joe war diesbezüglich mal mal German correspondent bei Critical Distance und diese wichtige Seite mit ihren wöchentlichen Zusammenfassungen soll auch gleich als Vorbild dienen. Also: Lasst uns doch mal gemeinsam versuchen hier aktuelle, lesenswerte, deutschsprachige Beiträge zum Medium Videospiel zu sammeln. Denn es muss sie ja geben, irgendwo da draußen, oder?


(Daniel) #2

Ich las gerade "Hauptsache Hardcore" von Matthias Kreienbrink in der ZEIT, der zwar viele Themen nur sehr oberflächlich anschneidet und letztendlich bei keinem genug in die Tiefe geht, aber in der einstimmigen Begeisterung um Dark Souls 3 versteckt sich da doch ein ansprechenswerter Punkt drin.


#3

Schöne Idee; obgleich ich einfache Produktrezensionen und Let’s Plays bisweilen schätze.
Im Bezug zur Frage „Hardcore“ und inwiefern Spiele wie DS dazu dienen, um sich von Teilen der Spielerschaft abzuheben, hat die GS ein Video (hier ab ca 05:30) auf ihrem YouTube-Kanal vor ein paar Tagen gepostet. Zwar keine wirklichen neuen Punkte, aber dennoch für mich sehr interessant.

Bezüglich Kreienbrinks Ausführungen u.a. zum Baldur’s Gate Add-On muss ich ebenfalls sagen, dass hier nur mit gerade frisch manikürten Fingernägeln an der Oberfläche gekratzt wurde.


(Joe Köller) #4

Und Podcasts. Podcasts gibt es meiner Beobachtung nach hierzulande auch verhältnismäßig viele. Das ist leider ein Format, das für Kuration relativ undurchsichtig bleibt, weil es ohne vollen Konsum schwer ist zu überblicken, welche Themen in so einem Stundenblock vorkommen, geschweige denn auf ein konkretes Gespräch zu verweisen.

Eigentlich halte ich die Position immernoch inne, obwohl die Beiträge inzwischen enorm unregelmäßig geworden sind. In letzter Zeit hat sich da im Hintergrund so viel getan, dass für die Recherche nichtmehr so viel Zeit blieb. Egal. Was ich eigentlich sagen wollte, wenn sich hier Lektüretipps finden trage ich die auch gern weiter.


(Daniel) #5

…und hatte dafür auch schon mal eine offene Lektüreliste angelegt.


(Daniel) #6

Finn beschreibt auf Spielgefühl den monotonen Alltag von Stardew Valley ganz ähnlich wie ich, kann dem naiven, simplen Weltbild der Farm-Simulation jedoch etwas Befreiendes abgewinnen:

Stardew Valley gibt mir eine einfach verständliche Lösung für all meine Probleme. Es rät mir zu grinden und dann wäre alles besser. Und für dieses naive Weltbild, in dem ich bei Bedarf versinken kann, liebe ich Stardew Valley.

Insgesamt kamen mir bisher recht wenige kritische Stimmen zum Gamedesign von Stardew Valley unter. Aber vielleicht ist das auch nur eine Frage der Filterblase.


#7

Naja. Selbst eine humpelnde Katze bleibt halt eine fucking Katze.

(Whut.)


(Daniel) #8

Der überhebliche Ton von diesem Artikel auf Polyneux sorgt bei mir zwar für großes Augenrollen, aber irgendwo darin versteckt sich ein interessanter Punkt: Was ist der Kanon der Videospielgeschichte, welche Titel muss ein_e Kritiker_in kennen? Eine wirkliche Aussage oder Analyse fehlt da leider vollständig.

Was aber ist von Filmkritikern zu halten, die niemals einen Hitchcock- oder Kubrick-Film gesehen haben? Wie ernst kann man Literaturkritiker nehmen, die mit Titeln und Autoren von Klassikern um sich werfen, die sie aber nie wirklich selber gelesen haben? Und was ist die XCOM 2-Rezension eines Mittzwanzigers wert, der X-Com: Ufo Defense bestenfalls aus Let’s Play-Videos kennt…?!

Die interessanten Fragen bleiben aber. Hat ein “Let’s Play” keinen Wert bei dem Erleben vergangener Spiele? In welchem Maß muss wer welche Spiele kennen oder berücksichtigen, und ist das gerade bei so einem kompletten Reboot wie XCOM überhaupt nötig? Fragen, die erstmal unbeantwortet bleiben…


#9

Ich muss ja gestehen, inzwischen viel lieber Reviews zu lesen, bei denen es relativ “unbefleckt” zur Sache geht. Siehe z.B. die Artikel von @Wibke zu Day of the Tentacle und Samorost 3. Erfahrung ist ja schön und gut, aber wenn’s dann irgendwann in Verbitterung abdriftet, sollte man vielleicht mal eine Pause einlegen.


(Marcus Dittmar) #10

Man sollte lediglich ein Spiel gespielt haben: Das besprochene.

In gewissen wissenschaftlichen Kontexten ergibt es sicherlich Sinn, Werke mit denen der Vergangenheit zu vergleichen und auch in der Kulturkritik ist es sicher nicht verkehrt, über einen gewissen Erfahrungshorizont zu haben. Eine historisch abgeglichene Meinung ist jedoch genauso viel Wert wie eine verhältnismäßig uninformierte, da der Untersuchungsgegenstand gleich ist und Bezüge zu vermeintlichen Großtaten der Vergangenheit lediglich für Eingeweihte von begrenztem Informationsgehalt sind.

Zu erwarten, dass man ein 20 Jahre altes Spiel zwingend gespielt haben muss, um eine fundierte Kritik über ein aktutelles abgeben zu können, ist auf jeden Fall ziemlich daneben. Mal ganz abgesehen von der fehlenden technischen Vergleichbarkeit, spielen auch ganz massiv aktutelle Trends und Strömungen eine Rolle, deren Einbezug deutlich wichtiger für eine Bewertung ist als ein paar alte Pixel, denen heute lediglich noch Menschen etwas abgewinnen können, die diese auf ihren Bildschirmen noch an zwei Händen abzählen konnten.

Um es kurz zusammen: Es kommt ganz auf den Adressaten an, welch einen Hintergrund man für eine Kritik mitbringen sollte. Mehr Aussagekraft verleiht ihr gehobenes historisches Wissen jedoch nicht automatisch.


#11

In diesem Kontext vielleicht ganz interessant:

Kotaku Splitscreen
Episode 31: Talking Games Journalism


(Daniel) #12

Andreas Müller von Polygamia schreibt über Battlefield 1:

Es gibt kaum eine Spielereihe (neben „ARMA“), die den Militarismus und Waffenfetischismus, der mit dem Thema unweigerlich zusammenhängt, so abfeiert wie „Battlefield“. Spielerisch mag das toll sein, die riesigen Schlachten mögen abwechslungsreich sein und das taktische Vorgehen fordernd, aber es ändert nichts daran, dass es realen Krieg als spaßiges Feierabendvergnügen darstellt.

Ich hoffe dass nach den ersten Reaktionen zum Trailer auch tiefer gehende Analysen folgen, wenn das Spiel dann erscheint.


(Eugen Pfister) #13

Wenn Ihr mir verzeiht, poste ich hier als allererstes Werbung in eigener Sache :o
Für alle die gerade Daniel Martin Feiges Buch “Computerspiele. Eine Ästhetik” lesen, gelesen haben oder zu lesen vorhaben, sowie für alle anderen auch die sich für Videospielkultur interessieren, haben der Arno Görgen, der Rudolf Inderst und ich den Daniel Martin Feige mit unseren Fragen zu Ästhetik und Ethik im Computerspiel behelligt und das natürlich in gewohnt gediegenem Rahmen. https://spielkult.hypotheses.org/942


(Philip) #14

“Gewalt kann also problematisch sein, wenn sie als dem System inhärent, als nicht hinterfragbar, dargestellt wird. Doom funktioniert anders. Das Spiel schafft einen künstlerischen Raum der mehr an Hieronymus Boschs Das jüngste Gericht erinnert, als an unsere Realität. In diesem Raum existieren keine staatliche Gewalt, kein gesellschaftliches Gefüge, kein Diskriminieren oder Stigmatisieren. Es herrscht nur Gewalt. Und diese wirkt in ihrer Übertreibung, in ihrer blutigen und knochensplitternden Kuriosität schlichtweg kunstvoll.”


(Daniel) #15

Wir sehen uns hier mit einer Grundsatzfrage konfrontiert; nämlich ob ein einzelnes Games-Review (und ich spreche hier insbesondere von solchen in größeren, „meinungsbildenden“ Publikationen) nun besser die persönliche und damit auch unverfälscht ehrliche Meinung des Rezensenten wiedergeben, oder soweit um Distanz und Objektivität bemüht sein sollte, dass die individuellen Empfindungen des Rezensenten ganz hinter dem Geschmackskonsens der Spielergemeinschaft zurücktreten?

via spielkritik.wordpress.com


(Daniel) #16

In der PC Games gibt es einen sehr ausführlichen Artikel zum Sexismus in der Games-Branche (u.a. von @Manu und mit @Nina). Ich habe ihn noch nicht gelesen und kann daher nichts zum Inhalt sagen, aber so eine ausführliche Auseinandersetzung in einem Mainstreammedium ist an sich schon mal interessant. Einleitende Fragestellung und Artikelbild greifen leider schonmal daneben, aber vielleicht ist das der Onlineaufbereitung geschuldet.


#17

Ich habe eben diesen Beitrag auf der Youtube-Seite von Gamestar geschaut und bin wirklich konsterniert über die Aussagen von Michael Graf über Overwatch. Vor ein paar Jahren wäre es wohl undenkbar gewesen, dass ein GS-Redakteur Mikrotransaktionen in einem Vollpreisspiel verteidigt. Ich kann es mir nur so erklären, dass für einige Menschen Blizzard immer noch unantastbar ist; für die Mehrheit der Kommentatoren unterhalb des Videos wohl auch. Da ich Overwatch nicht spiele, ist meine eigene Argumentation natürlich auch nicht die stärkste… wie seht ihr das? Kapitulation der Gamestar-Redakteure oder differenzierte Betrachtung des Themas?


(Marcus Dittmar) #18

Ich habe Overwatch nun ein paar Stunden gespielt und finde die Argumentation im Video nachvollziehbar. Doch bloß, weil man nicht jede Mikrotransaktion verteufeln sollte, muss man diese in Vollpreistiteln nicht gleich verteidigen.

Was das Video nämlich unterschlägt, ist die doch recht geringe Häufigkeit, mit der man vom Spiel selbst entsprechende Gegenstände erhält. Zudem weiß man nicht, was man bekommt, was einen gewissen Glücksspielcharakter mit sich bringt, auf den recht viele anspringen.

Dass es sich ausschließlich um kosmetische Dinge dreht, ist als Legitimation auch ein wenig überholt. Schließlich ist Individualisierung in einem reinen Multiplayer-Titel für viele ein wesentlicher Bestandteil des Spielerlebnisses und kaum unwichtiger als Maps und Waffen. Und die Community macht sogar kostenlos Werbung, die perfider und wirkungsvoller sein dürfte, als die glücklichen Millionärsgesichter auf irgendeinem Lotto-Plakat.


(Daniel) #19

Was ist das Citizen Kane der Prosaliteratur? Was ist das Krieg und Frieden der Comics? Was ist das Sandman der Operette? Abstruse Fragen? Ungeheurer Ernst im Bereich der Videospiele, wo seit einigen Jahren die Diskussion aufkommt, wo das Citzen Kane der Videospiele bleibt oder ob wir es endlich gefunden haben. In Form von The Last of Us. In Form von Gone Home. In Form von Her Story. Dabei werden dann die Storys einzelner Spiele zelebriert, aber dabei ignoriert, dass The Last of Us doch nur eine nullachtfuffzehnige Zombieapokalypse präsentiert oder dass die Geschichte aus Her Story in chronologischer Reihenfolge wohl brutal seziert würde, falls sie in einem Tatort vorgekommen wäre. Und beim Herausheben dieser Spiele geht zudem schnell verloren, dass Videospiele in großer Menge immer noch ein Medium sind, das sich erzählerisch eher auf dem Niveau eines Superman-Comics der 1970er befindet als auf dem einer HBO-Serie.

schreibt Björn Wederhake in ZEIT und WASD.


#20

Ich muss ja beim “Citizen Kane der Videospiele” immer an “Journey of Saga” von Quintin Smith denken… :wink: