PewDiePie vs. Campo Santo


(Benjamin Jessat) #1

Neues aus Schwachkopfhausen:


Indie-Devs, die auf dem rechten Auge blind sind
(Z.) #2

Der Schwachkopf ist noch das Uninteressanteste an der Geschichte. Viel interessanter ist meiner Meinung nach die Frage, ob ein Entwickler (hier: Campo Santo) jemandem die generelle Zusage, dass man Videos von dessen Spiel (hier: Firewatch) veröffentlichen und damit auch Geld verdienen darf, einfach nachträglich wieder entziehen kann.

(Und ob sich Campo Santo mit der Reaktion einen Gefallen tut.)


(Eric) #3

Ich persönlich finde es ja sehr interessant, wie viele Leute in der Spieleszene jetzt gerne PDPs Ausfall vergessen wollen um lieber diese Urhebersache zu reden.

Sagt glaube ich irgendetwas über die Prioritäten von bestimmten Menschen aus, die meiner Meinung nach etwas fehlgewichtet sind?


(Daniel) #4

Rein rechtlich gesehen dürfen sie das meines Verständnisses nach. Campo Santo jetzt die gesamte Urheberrechts-Problematik anzulasten (der DMCA ist ein problematisches Gesetz, das sehr leicht missbraucht werden kann) halte ich für verfehlt.

Ich sehe da aber vor allem eine Firma die die ihr zur Verfügung stehenden Werkzeuge nutzt um etwas umzusetzen (nämlich ein Abstrafen von ansonsten quasi konsequenzfreiem Rassismus), was eigentlich u.A. die Aufgabe von YouTube als Plattformanbieter wäre.

Ansonsten stimme ich @MOKKA zu: Das sind beides wichtige Diskussionen, die gefĂĽhrt werden mĂĽssen, aber beide haben trotz des konkreten Beispiels letztendlich nur sehr wenig miteinander zu tun und sollten sich daher nicht ausspielen.


(Eric) #5

Grundsätzlich finde ich es gut, dass Campo Santo hier Konsequenzen gezogen hat, denn die hat die Spieleindustrie bislang bei PewDiePie vermissen lassen.

Der Typ hat sich ja jetzt bei weitem noch nicht zum ersten Mal als Arschloch herausgestellt und trotzdem gab es einige Entwickler die allzu gerne mit ihm kooperiert haben (z.B. als alternativen Charakter fĂĽr ihr Spiel).

Das Problem in der Spieleindustrie (und ich glaube das ich habe ich schon einmal gesagt), ist dass sich zwar alle bei solchen Geschichten aufregen, aber in aller Regel keinerlei Konsequenzen aus ihnen gezogen wird. Was dann wiederum dazu führt, dass sich solche Sachen immer und immer wieder abspielen werden, da keinerlei Interesse daran besteht etwas grundsätzliches zu verändern.

Und in diesem Zusammenhang ziehe ich vor Campo Santo meinen Hut und eigentlich mĂĽssten alle Studios so handeln.


(Z.) #6

@MOKKA Ich möchte nur nicht über den Schwachkopf reden, weil schon vorher klar war, dass er ein Schwachkopf ist. :wink:

Ich finde die Reaktion von Campo Santo ja verständlich, allerdings nutzen sie mit DCMA keine besonders beliebte Methode. Ich fürchte nur, dass an den Entwicklern eher die Methode als die gute Intention hängen bleibt.

@sofakissen Ja, YouTube hält sich leider fein raus…


(Daniel) #7

Die negativen Reaktionen erhält Campo Santo gerade glaube ich nicht weil sie bestehendes Copyright (aus)nutzen, sondern weil sie PewDiePie kritisieren.


Zu PewDiePie gibt es übrigens eine wie immer sehr hörenswerte, reflektierte Diskussion über den größeren Kontext sich solcher rassistischer Sprache bedienenden “heated gaming moments”.


(Z.) #8

Terrible story, too short, and social justice warrior developers. Forgettable game. 3/10

Game is totally linear and NOT as intriguing as trailer suggested.
Game creators also support total censorship! Waste of money and time. PewDiePie did nothing wrong btw.

:nauseated_face: :face_vomiting::face_vomiting::face_vomiting:


(Eric) #9

Jup, und ich finde diese Einstellung ziemlich scheiĂźe.

Hier geht es um ein grundsätzliche Problem in der Spieleindustrie und immer wieder wird versucht diese grundsätzliche Problematik unter den Teppich zu kehren, weil um Himmels Willen wir wollen uns ja nicht mit der Tatsache beschäftigen, dass wir Rassisten und Sexisten noch immer auf einem Podest vor uns rumtragen.

Doch stattdessen ist es wichtiger darüber zu reden, ob es nun okay sei, YouTube’s beschissenes Urheberrechtssystem zu benutzen, weil man nicht möchte, dass die eigene Arbeit mit einem Arschloch assoziiert wird.

Edit: Mir ist schon klar, dass du jetzt nicht PewDiePie verteidigen möchtest oder sowas. Ich habe nur keine Bock darauf, dass immer wieder vom eigentlichen Problem abgelenkt wird.


(Sören) #10

Das zieht sicher auch einfach den altbekannten Gamerg*te-Arschloch-Haufen an. Ich habe an solchen Tagen einfach so die Schnauze voll von Spielen und dem ganzen drumherum…Und genau wie Youtube sich raushält, hält sich Steam raus und überlässt seine Community Plattform Arschlöchern (was halt bis zu Nazis geht, die auf Steam offen Nazi Symbolik zeigen können. Und ob das Melden von rassistischen und antisemitischen scheiß Spielen je etwas gebracht hat, bezweifle ich auch…). Bin froh, dass Campo Santo nutzt, was ihnen zur Verfügung steht und Pewdipies Rassismus dadurch vielleicht mal etwas mehr entgegenstellt.


(Z.) #11

Ich glaube nur nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt und dass Campo Santo sich mit dieser Reaktion einen Bärendienst erwiesen haben.

“I wish there was a clear way to say we don’t want our work associated with hate speech, even accidental hate speech if that’s what it was,” Vanaman told BuzzFeed News. “I regret using a DMCA takedown. Censorship is not the best thing for speech and if I had a way to contact PewDiePie and take the video down, I probably would. He’s a bad fit for us, and we’re a bad fit for him.”

Eine bessere Methode wäre vielleicht gewesen, ihn öffentlich aufzufordern, das Video zu löschen und sich generell von Campo Santo Spielen fernzuhalten, ohne die Urheberrechtsdiskussion loszutreten. Ihm seine moralischen Fehltritte vorzuhalten, ohne die DCMA-Keule zu schwingen, die alle “Censorship!!11” schreien lässt. Wir werden es nicht erfahren.

@MOKKA Ich will nicht von dem Problem ablenken, das sollte nicht so rĂĽberkommen. DarĂĽber, dass sein Verhalten fĂĽr die Tonne ist, daran gibt in meinen Augen nur nichts zu diskutieren, auĂźer, wie man damit umgeht.


(Eric) #12

Ja und du schlägst vor, einem Menschen der wiederholt durch inakzeptables Verhalten und Ignoranz aufgefallen ist, darum zu bitten, doch die Videos zu einem bestimmten Spiel zu entfernen, anstatt ihm einfach mal eins ins Gesicht zu geben.

Ich halte das für den absolut falschen Weg, weil du ihm hier immer noch die Kontrolle gibst. Nehmen wir mal an, Campo Santo hätte ihn darum gebeten und nicht direkt das Video selbst entfernt.

In dieser Situation könnte PewDiePie entscheiden was als nächstes passiert. Nicht nur das, wenn er das Video entfernt hätte, könnte er das wunderbar als Beweis nehmen, dass er ja “seine Lektion gelernt” hätte. Und was, wenn er das Video nicht entfernen würde und Campo Santo dann reagiert?

Persönlich denke, dass du in diesen Situation den Leuten, die sich daneben benehmen nicht auch noch die Kontrolle über die Botschaft geben darfst und Campo Santo sah das hier wahrscheinlich genauso.

Irgendwann reicht es doch mal wirklich damit, diesen Leuten immer und immer wieder eine Chance zu geben, wenn doch eigentlich inzwischen klar ist, dass sie nichts lernen sondern stattdessen einfach weiter den gleichen Blödsinn machen wie zuvor.

P.S.: Finde es übrigens interessant, wie sagst das Campo Santo hier eine “Urheberrechtsdebatte” lostritt, wenn der eigentliche Verursacher doch PewDiePie ist…


(Sören) #13

Aber was ist das Problem daran, wo ist der Bärendienst? Die Diskussion an sich? Die Urheberrechtsfrage bezüglich Lets Plays schiebt die Industrie halt auch schon ziemlich lange vor sich hin. Dass ein Haufen Gamer “Zensur!!” ruft? Sollen sie halt… Dass dies jetzt ein Präzedenzfall über Urheberrecht von Lets Plays werden könnte oder ob es in ein zwei Jahren ein anderer Fall wird, macht für die rechtliche Grundlage ja keinen Unterschied.

Im Endeffekt war es der Schritt fĂĽr Campo Santo effektiv gegen die Assoziation mit Pewdipie vorzugehen und dass ihnen dieses Statement wichtiger ist, als all der zu erwartende Backlash, finde ich das bemerkenswerte daran.


#14

Dazu passend noch ein paar Artikel:


(Joe Köller) #15

Das ist für mich einfach wieder mal so eine Diskussion, in der der Anlass einem viel genauer zeigt worum es wirklich geht, als irgendwelche Argumente. Sicher lässt sich über Ethik im Spielejournalismus reden, bei gewissen speziellen Themen ist das sogar dringend nötig. Aber wer das im Rahmen von z.B Gamergate versucht macht sich halt (im besten Fall) unwissentlich zum Komplizen des Hassmobs. Es lässt sich auch über Gewalt als staatliches vs privates Strafmittel reden, aber wer das Thema aufgreift, weil jemand einem Nazi eine gesemmelt hat und nicht z.B. weil schon wieder ein Flüchtlingsheim attackiert wurde oder ein Schwarzer bei einer Routine-Verkehrskontrolle erschossen, spielt nur der moralischen Augenwischerei der Rechten in die Hände.

So ist es eben auch hier. In einer perfekten Welt würde das Urheberrecht sicher anders funktionieren, es wäre nicht zugunsten großer Konzerne designt, würde nicht von irgendwelchen Algorithmen appliziert und ließe sich nicht so leicht missbrauchen. Als pragmatische Lösung in der realen Welt hab ich aber nix dagegen wenn ein Entwickler dieses “fragwürdige” Werkzeug einsetzt um gegen Rassismus vorzugehen.


(Z.) #16

Ja, weil in meinen Augen “eins ins Gesicht geben” moralisch nicht der richtige Weg ist. Du willst ihm doch sein moralisches Fehlverhalten vorwerfen. Dabei zu unmoralischen Mitteln zu greifen macht es der Gegenseite sehr einfach, dir dein Fehlverhalten vorzuwerfen. PUNCH NAZIS!

Die Story ändert sich von “Entwickler distanziert sich von Streamer” zu “Entwickler nutzt DCMA gegen Streamer”. Natürlich bringt letzteres mehr Aufmerksamkeit, ist im den Sinne effektiv, aber den Entwickler auch in die Schusslinie.

Dass sie ihren Namen selbst mit der Ausnutzung von DCMA verknüpft haben. Der Fall ist meiner Meinung nach ein schlechter Präzedenzfall für Urheberrecht und Let’s Plays, weil es hier nicht um Fair Use o.Ä. geht. Campo Santo hat Streaming von Firewatch und Monetarisierung der Videos explizit begrüßt und zugestimmt.

Auf jeden Fall bemerkenswert. Ich hoffe, dass der Backlash nur von kurzer Dauer ist.

Das ist das Problem, man wĂĽnscht sich ja, dass er eins ins Gesicht bekommt, aber weiĂź, dass das Mittel fragwĂĽrdig ist.


(Daniel) #17

Ein legaler DMCA Takedown ist was anders als ein Schlag in die Fresse. (Die moralische Bewertung von beiden sehe ich ĂĽbrigens anders.)

Den “Bärendienst” sehe ich ehrlich gesagt nicht. Es geht ja eben niemandem um Copyright, soweit ich die Diskussion verfolgt habe. Wer sich an der beteiligt ist entweder auf dem Seite von Campo Santo, weil es essentiell ist alles gegen Rassismus zu tun was möglich ist, oder eben hate von Pewdis Fans und Sympathisanten von “free speech” (in riesemhrosen Anführungszeichen). Es geht hier rein um zwei sich gegenüberstehenden politische Positionen.


(Z.) #18

Ich bin natürlich nicht auf der Seite von PDP und “free speech” ist in dem Zusammenhang Schwachsinn. Mir schmeckt nur das eingesetzte Mittel von Campo Santo nicht besonders. Wenn es keinen “Bärendienst” gibt - auch gut. Ich wünsche Campo Santo ja nichts Schlechtes. Ich hatte die Befürchtung, dass durch das Bemühen von DMCA ein weiteres Fass aufgemacht wurde, was “Copyright-Gegner” auf den Plan rufen könnte, die gegen Campo Santo schießen.

P.S.: Ich hab überall DCMA statt DMCA geschrieben. :man_facepalming: Das ändere ich jetzt nicht in allen Nachrichten.


(Hamid al-aSak) #19

Eine Perspektive, die bisher außen vor blieb: In den USA hat “freedom of speech” eine ganz andere Qualität und kulturelle Bedeutung als hierzulande. Und das betrifft beide Themen, sowohl die Äußerungen von PewDiePie als auch den “Takedown”:

  • Es gibt Leute, die wirklich der Meinung sind, dass PewDiePie nichts getan hat, wozu er nicht (irgendwie geartet) berechtigt wäre, so abscheulich und verachtenswert das auch sein mag. Ja, es gibt Gesetze mit Bezug auf Hate Speech, aber es ist unwahrscheinlich, das die Erwähnung des Wortes in diesem Kontext ĂĽberhaupt unter ein solches Gesetz fällt. Diese Debatte ist, aus europäischer Sicht, mĂĽĂźig zu fĂĽhren.
  • Die Nutzung von DMCA wird, in diesem Fall, als ein Missbrauch angesehen, um (nennen wir’s) unliebsame Meinungen zu unterdrĂĽcken. Das wurde bereits festgestellt.
  • Leider ist’s aber auch so, dass selbst eine freundliche Bitte seitens des Entwicklers die gleichen VorwĂĽrfe mit sich gebracht hätte. Hier gibt’s zwei Möglichkeiten: PewDiePie folgt der Aufforderung oder er tut’s nicht. Im ersten Fall, selbst ohne rechtliche Drohungen, wĂĽrden die gleichen VorwĂĽrfe laut. Im zweiten Fall hätte der Entwickler sein durchaus berechtigtes Ziel nicht erreicht. Insofern scheint durch DMCA zwar zugleich eine andere Debatte losgetreten worden zu sein, doch das Resultat unterscheidet sich insgesamt nur wenig.

Diese Gedanken nur schnell und am Rande. Ihr dürft mir glauben, ich bin der Letzte, der dieses Verhalten toleriert oder rechtfertigt. PewDiePie hat’s verkackt und selbst seine “Entschuldigung” ist halbherzig und nicht einmal ein schwacher Trost. He had it coming. Und ich freue mich auf den Tag, an dem endlich auch die verschiedenen Communities, angefangen bei der Fanbase über Vertriebskanäle wie Steam und YouTube bis hin zu den Entwicklern, solches Verhalten konsequent ächten. Das heißt nicht, dass man nicht mal Scheiße bauen darf, doch hat beispielsweise PewDiePie den Bogen lange überspannt.


(Eric) #20

Nein, ich will das er merkt dass sein Blödsinn Konsequenzen hat. PDP hat jetzt wirklich mehr als genug zweite Chancen bekommen und irgendwann sollte es dann auch mal genug sein.

Was nicht Campo Santos Schuld ist, sondern an den Leuten liegt, die sich nicht mit dem tatsächlichen Problem auseinandersetzen wollen.

Was sie aber auch jederzeit wieder zurücknehmen können. Glaubst du wirklich Campo Santo hätte sich vor dem Manöver nicht ein kleines bisschen informiert?

Ich denke du sprichst hier etwas wichtiges an. So oder so hätte es Stress gegeben. Hätte Campo nicht diesen Schritt getan, hätte sich der Mob irgendein anderes Ziel ausgesucht auf das er sich gestürzt hätte.

Was mich im Moment immer noch am meisten ärgert, ist wie wenige Entwicklerstudios tatsächlich Konsequenzen aus dieser Geschichte gezogen haben. Campo Santo hat als erstes was gemacht und wird im Moment durch die Gegend geprügelt. Gleichzeitig gibt es immer noch Spiele die mit PewDiePies Namen und aussehen Werbung machen und von denen nichts zu hören ist. Klar gibt man sich mit solchen Aktionen in die Schusslinie, allerdings könnte man den Schaden für ein einzelnes Studio massiv reduzieren, wenn sie nicht das einzige Ziel darstellen.