Wer von Jonathan Blows Weltbild überrascht ist, hat bei The Witness nicht aufgepasst


(Lost Levels) #1

Dass der Gamedesigner sexistische Pamphlete verteidigt und Sozialhilfe in Frage stellt passt zur Aussage seines letzten Spiels.


Dies ist ein Begleitthema zum ursprünglichen Beitrag unter https://lostlevels.de/blog/wer-von-jonathan-blows-weltbild-ueberrascht-ist-hat-bei-the-witness-nicht-aufgepasst

(Daniel) #2

TIL: “ad verecundiam”. Danke, @Ben!


(Marcus Dittmar) #3

Ich habe große Schwierigkeiten herauszulesen, warum du den Text verfasst hast und an wen er adressiert ist.

Wenn man Elitedenken kritisieren möchte, wäre es ratsam, sich nicht dessen Duktus zu bedienen, was du mehrfach tust (“Meritokratie”, “Auteur”, “ad hominem” etc.). Du setzt recht viel Vorwissen voraus, z.B. was das Google Manifest beinhaltet, gehst nicht beispielhaft auf das ein, was an The Witness nun für dein Ungemach verantwortlich ist und widersprichst Blows (mutmaßliche) Aussagen, ohne deine Meinung mit Fakten oder zumindest eigenen Erfahrungen zu unterstützen.

So verkürzt dargeboten kann man vielleicht ein paar Herzen in der eigenen Blase abgreifen, leistet jedoch keinen nützlichen Beitrag dazu, Blows Aussagen zu demaskieren. Genug statistisches Material und Erfahrungsberichte gäbe es zu Genüge, wenn man darauf keinen Bock hast, reicht auch ein Tweet mit dem Text “JBlow = :poop:”.

Oder wie der olle Fucker es ausdrücken würde: “Try reading the whole conversation.”


(Daniel) #4

Ich hab die ganze Konversation gelesen. Jetzt und auch schon im August und auch schon vorher. Blow laviert sich da mit uneindeutigen Aussagen durch, die immer genug Spielraum lassen, damit er eben dieses Argument bringe kann. Deshalb habe ich das auch nicht beim ersten oder zweiten “Skandal” veröffentlicht sondern jetzt, weil ich denke, dass da bei ihm eine Tendenz erkennbar. Eine von unreflektierten Privilegien und einer naiven Vorstellung von Leistung.

Dass der Blogpost manchen zu meinungshaft statt erläuternd, die Formulierungen zu nervig statt ironisch sind, fair. Mehr als einen kleinen Ausgangspunkt für die Diskussion kann und will ich hier aber auch gar nicht liefern.

Insofern, genug über mich geredet und :poop: beiseite: Mich würde interessieren, wie du Blows ja zumindest (und ich denke da können wir uns drauf einigen) missverständlichen Aussagen nach dem Lesen der ganzen Konversation(en) bewertest?


(Daniel) #5

Da ich mier hir nicht den Raum für eine ausführliche Analyse zu The Witness genommen habe möchte ich nochmal zwei Artikel empfehlen, die mir nach dem Durchspielen guten Input geliefert haben. (Achtung, Polemik!)

The Witness is fucking stupid

i would lay off the relations to the people and structures which produced this game if it felt the game were saying particularly much otherwise. but it isn’t. this is a game about its creators, a game which hoists its own ego as a surrogate for another’s. it thinks it can deeply patronize its audience by offering them nothing as some kind of triumphant gesture. its puzzles are stupid and sarcastic, and it knows they are. it revels in throwing puzzles in your face you lack the familiarity with its systems to solve before throwing a series of tutorial puzzles equivalent to patronizing textual exposition. you couldn’t do the puzzle, you stupid idiot. it was right there all along!

Misunderstanding

You see, when a game is considered clever by the gaming community for whatever reason - the ideas it references, the intellectual airs or earlier works of its creators - it can go remarkably far without its ideas, themes and politics ever coming under close scrutiny from our critical apparatus. Near the release of The Witness, we may joke for a while about pee jars, Tai Chi, and Google Alerts, but after a few rounds of harmless puns, everyone will pipe down again (or be asked to pipe down), because the consensus in our timeline is that Jon Blow gets to have these little quirks and gets to say all the weird things he says because the games he makes are just so interesting, aren’t they?


(Eric) #6

Eine Sache die ich bei diesen ganzen Bio-Essentialismus Argumenten immer recht entlarvend finde:

Nehmen wir mal für einen Moment an, der ganze Schwachsinn der behauptet wird (und es ist Schwachsinn) würde stimmen, und einige Menschen wären tatsächlich biologisch besser für bestimmte Tätigkeiten geeignet als andere. Selbst wenn dies so wäre (was es nicht ist), folgt daraus noch lange nicht, dies als Handlungsanweisung zu sehen, einfach die Dinge so zu lassen wie sie sind.

Man könnte aus dieser Situation genausogut den Schluss ziehen, Menschen deren Fähigkeiten sie für bestimmte Tätigkeitsfelder weniger eignet wesentlich stärker zu unterstützen, um eben diese Ungleicheiten zu beheben.

Was uns quasi vor das gleiche Problem stellt, was wir jetzt haben: Wie geht man mit Menschen um, die weniger Möglichkeiten haben, als andere? Nur hier wäre das Augenmerk viel stärker auf genetische Aspekte gelegt und weniger auf kulturelle. Das Problem bleibt jedoch.

Menschen suchen immer nach Möglichkeiten ihre eigene Intoleranz mit deterministischen Argumenten zu unterstützen. Warum? Weil sie dadurch sich wie Arschlöcher benehmen können, ohne jedoch ihr Selbstbild zu beschädigen. Schließlich können sie ja schlecht böse sein, wenn die Welt einfach so ist, wie sie ist.
Früher war es Religion und seit dem 19. Jahrhundert ist es die Biologie. Die Argumente haben sich nie wirklich verändert, nur ihre Basis. Falsch waren sie schon immer.

P.S.: Bio-Essentialismus hat nichts mit Evolutionsbiologie zu tun.


(Daniel) #7

Der gute @SpeckObst interpretiert die Aussage des Spiels völlig anders als ich. Aber da ähnelt The Witness auch den Tweets von Blow und lässt immer genug Raum zum Interpretieren :wink:


#8

Zum Google Memo empfehle ich eine differenzierte Lektüre abseits der aufgeregten Berichterstattung, zum Beispiel diese hier.
Weiter wäre eine Kritik anhand konkreter Beispiele aus dem Spiel sicher eleganter als die obige eher wirre Argumentation.


(Joe Köller) #9

Vielleicht solltest du den Text auch nochmal lesen, denn obwohl da ein ganzer Haufen halbgarer Blödsinn drinsteht, schafft es sogar die Autorin immerhin noch die “groteske Überhöhung des kalten Verstandes” in Damores Manifest zu kritisieren. Du hingegen wiederholst seine Einstellung hier 1:1.

Es ist nämlich keineswegs differenzierter auf ein absurdes Geschreibsel im Detail einzugehen anstatt Bullshit beim Namen zu nennen. Dahinter steht genau dieselbe Aufwertung von kalter Höflichkeit und Abwertung emotionaler Diskussion, die es privilegierten Menschen leicht macht im Abstrakten über Diskriminierung zu sinnieren, direkt Betroffene aber weitgehend vom Diskurs ausschließt.

Es wäre aber auch wirklich schlimm wenn weiße Typen mit den Konsquenzen ihres Handelns konfrontiert oder ihnen irgendwelche Grenzen gesetzt werden. Da muss man auf sie eingehen und ihnen das im richtigen Moment ganz lieb und freundlich erklären, sonst können die ja gar nicht anders als sofort zu radikalen Männerrechtlern zu werden! Du merkst schon, dass so eine Argumentation Männer* auf die emotionale Entwicklungsstufe von trotzigen Kleinkindern setzt?